Am 27.01.2010 war der 65. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz. An diesem Tag kam Sylvia Gutmann zu uns in die Schule, um über ihre Erfahrungen während des Nationalsozialismus zu sprechen. So wurde es uns vorab erzählt. Doch danach war uns klar, dass dieser Besuch noch viel mehr gewesen war.

Sylvia Gutmann kam extra für uns von New York über den großen Teich geflogen. Dabei war Berlin einmal ihre Heimat gewesen. Solange, bis die Nazis kamen.

Ihre Eltern waren Juden. Das war ihr Verbrechen, so wie es das Verbrechen von Millionen anderer Menschen gewesen war. Ihre Eltern konnten sich mit Sylvia und ihren Geschwistern einige Zeit in Frankreich verstecken, wurden dann aber von französischen Polizisten abgeholt und deportiert. Sylvias Eltern starben mit tausenden anderen Juden, Homosexuellen, Kommunisten und Anders-Denkenden in Auschwitz.

Sylvia und ihre Geschwister haben nur deshalb überlebt, weil einige wenige Menschen in dieser Zeit ihre Angst und Ohnmacht vor den Nazis überwunden und unschuldige Kinder damit gerettet haben.

Diese Frau kam also zu uns und erzählte uns ihre Geschichte. Doch sie erzählte sie nicht einfach so, wie man diese einzelnen Schicksale in Büchern liest oder in Filmen sieht, sie erzählte sie direkt unseren Herzen. Auch wenn ich und manche meiner Mitschüler uns vorher schon eingängig mit dem Thema des Nationalsozialismus beschäftigt hatten, alle Fakten kannten, KZs besucht hatten und schon oft zu Tränen gerührt waren, so waren die Worte dieser Frau bedeutender als jedes Buch, jeder Film oder jede Gedenkstätte.

Sie erzählte uns, wie sie nach Amerika kam, wie dieses Land der Freiheit ihre neue Heimat wurde und…wie sie lernen musste, dass ihr Schicksal den Menschen peinlich war und sie lieber nicht darüber sprechen sollte.

Sie sprach von dem Hass den sie auf die Deutschen hatte. Auf alle Deutschen.Auf das Volk, das es möglich gemacht hatte, dass Hitler an die Macht kam. Sie schaffte es, uns ein winziges Stückchen der Ohnmacht und des Hasses auf uns zu übertragen, damit wir uns vor Augen führen konnten, wie sich Tausende von Menschen gefühlt haben müssen.

Doch sie erzählte uns auch, wie sie eines Tages doch wieder nach Deutschland kam, wie sie mit Jugendlichen sprach und merkte, dass auch noch in den 80er Jahren Jugendliche sich schuldig fühlten und die Geschichte auf ihren Rücken lastete. Und sie machte uns klar, dass sie erst in diesem Moment begriff, dass sie nicht alleine war in ihrem Hass und mit dem, was sie erlebt hatte. Seit diesem Tag hat Sylvia Gutmann angefangen, mit Schülern aus der ganzen Welt zu arbeiten, um das Thema Nationalsozialismus richtig aufzuarbeiten. Das war wichtig für die Schüler, für die Welt und auch für sie persönlich.

Nachdem sie uns ihre Geschichte erzählt hatte, sprach sie mit uns darüber, was wir empfanden. Sie wollte wissen, was jeder einzelne tun wird, um Toleranz, Liebe und Frieden in der Welt zu verbreiten. Sie rief uns ins Gedächtnis, dass jeder Einzelne von uns etwas bewirken kann, und wenn es nur in seinem persönlichen Umfeld ist.

Viele sagen, so etwas wie damals kann nicht noch einmal geschehen. Doch wenn man genau darüber nachdenkt, geschieht es jeden Tag überall auf der Welt. Menschen töten sich gegenseitig wegen ihres Glaubens, wegen Macht, Geld. Neonazis laufen herum, verbreiten Botschaften von Hass und Gewalt.

Jeder der kann, sollte etwas dagegen tun. Und wenn es nur in kleinem Umfang ist, nur in seiner persönlichen Welt. Damit all dies ein Ende hat.

Sylvia Gutmann fragte auch mich, was ich dagegen tun könnte. Ich antwortete ihr, dass ich es zu meinem Beruf machen werde, Wahrheit in der Welt zu verbreiten.

Deshalb widme ich ihr diese Zeilen.

Wer Näheres erfahren möchte: srgutmann.com/

Rebecca Augstein, 4. Semester (1.2.2010)