Motivation und Erwartungen

Für einen Lehrer, der Deutsch als Fremdsprache unterrichtet und nicht nur gute Deutschkenntnisse beherrschen will, sondern auch das Land, Leute, die deutsche  Lebensweise, Kultur und das Schulsystem kennen lernen möchte, gibt das PASCH- Hospitationsprogramm eine der besten Möglichkeiten, all das in einem  Programm zu vereinigen. Diese Motivation brachte mich zur Entscheidung, an dem Programm teilzunehmen. Außerdem war es für mich höchst interessant,  Berlin zu entdecken, meine eigene Vorstellung von dieser alten aber auch einer modernen und dynamischen Stadt zu bilden.

In den ersten Tagen war ich ein bisschen (in einem guten Sinne) schockiert, weil ich so viele positive Eindrücke hatte! Es war einfach unglaublich, dass meine  langjährigen Träume in Erfüllung gingen. Ehrlich gesagt, ich und meine Kollegin aus Moskau, auch eine Deutschlehrerin, wollten solch eine Sprachreise für unsere  Schüler machen, wo die Schüler nicht nur Deutsch studieren (an der VHS – wir organisieren solche Sprachreisen im Rahmen eines Vertrags mit der Volkshochschule in Bayern), sondern auch im Unterricht an einem Gymnasium mitmachen könnten.

Ich war jetzt an der Stelle meiner Schüler. Das war eine richtige Überraschung!

Vorstellung der Gastschule

Meine Gastschule heiβt das „Leonardo da Vinci Gymnasium“ und befindet sich im Ortsteil Buckow im Bezirk Neukölln. Bei “Wikipedia” lese ich:

“… Die Schule ist nach dem italienischen Maler, Bildhauer, Architekten, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosophen Leonardo da Vinci benannt …”

Das kann ich verstehen, jede Schule in Deutschland trägt den Namen einer berühmten Person. Nach ein paar Tagen im Gymnasium kam ich auf den Gedanken, dass sich das ganze Ausbildungskonzept des Gymnasiums auf sieben Prinzipien des genialen Leonardo gründet:

  • Curiosità: Neugier; das Streben nach Wissen
  • Dimostrazione: die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen
  • Sensazione: das Schärfen der Sinne
  • Sfumato: Aufgeschlossenheit gegenüber Paradoxien
  • Arte/Scienza: Gleichgewicht zwischen Logik und Phantasie
  • Corporalità: die Kultivierung von körperlichem Fitneß
  • Connessione: die Würdigung der inneren Verbundenheit aller Dinge

Jeden Tag, in jedem Unterricht, Schritt für Schritt, realisieren die Lehrer die Grundprinzipien der gymnasialen, Leonardoschen Ausbildung und Erziehung. Erst später fand ich auf der Website des Gymnasiums das Leitbild:

„Unsere Gemeinschaft lebt von gegenseitiger Achtung und fairem Umgang miteinander.“

und die Grundprinzipien der Arbeit:

  • Gemeinschaft bilden
  • Entfaltung ermöglichen
  • Initiative fördern
  • Eigenverantwortung stärken
  • Natur achten

Aber ich habe das vorher selbst gespürt!

Unterrichtsbeobachtung

Am Gymnasium werden Schülerinnen und Schüler ab der 7. Jahrgangsstufe unterrichtet. Im Schulprogramm gibt es eine Menge von Schulfächern und Lernbereiche, die dem Ziel der gymnasialen Ausbildung dienen:

“Das Ziel ist der künstlerisch und wissenschaftlich gebildete Mensch, der der Idee der Demokratie im täglichen Handeln verpflichtet ist und selbstbewusst und in eigener Verantwortung seine Begabungen herausbildet und nutzt.”

Eines der wichtigsten Ergebnisse des Unterrichts ist eine gemeinsame Diskussion. Ich habe mit großem Interesse beobachtet, wie die Lehrer professionell und leicht
die Schüler zur Diskussion heranführten. Aber es ist eine scheinbare Einfachheit, dahinter steckt eine stundenlange und große Arbeit des Lehrers. Es ist wichtig zu betonen, dass in der Stunde und überall in der Schule eine angenehme und tolerante Atmosphäre herrscht, bestimmt von Vertrauen und gegenseitiger Akzeptanz. Ohne diese Atmosphäre wäre das Ziel des Lernens, das zu einem zunehmend kompetenten, durch Interesse und Motivation geleiteten Handeln führt, schwer zu erreichen.

Beschreibung des Tätigkeitsgebietes/ extracurriculare Aktivitäten

Dank einer netten Betreuung meiner Gastgeberin, Petra Küllmey, die am Leonardo da Vinci Gymnasium Biologie und Chemie unterrichtet, hatte ich eine tolle Möglichkeit, sehr viele Unterrichtsstunden in fast allen Klassen zu besuchen. Deutsch, Geschichte, Kunst, Musik, Philosophie, Erdkunde, Fremdsprachen …
Zuerst hatte ich Angst, dass ich und solche Fachgebiete wie Chemie, Physik oder Mathematik völlig inkompatibel sind, und die Fachbegriffe, die mir sogar auf Russisch fremd sind, werde ich auf Deutsch überhaupt nicht verstehen. Zu meiner Überraschung aber begriff ich erst am Ende des Unterrichts, dass alle um mich herum deutsch sprachen. Die Stunden waren immer so spannend, dass ich die Sprachschwierigkeiten nicht bemerkte, weil ich in den Lernprozess ganz einbezogen wurde. Und die Themen und Fachbereiche, die mir als völlig komplizierte Sachen schienen, waren schon einfach und nah.

Persönliche Eindrücke

Eine richtige Entdeckung war für mich das Berliner Lebensgefühl. Die Seele der heutigen, jetzt wieder vereinten Stadt, deren Geschichte den Berliner Charakter bildete. Ein Berliner ist multikulturell, tolerant, aktiv, kommunikativ, humorvoll, kreativ und hilfsbereit. Sehr praktisch und gleichzeitig romantisch! Das ist eine interessante Mischung, aber typisch berlinisch! Das heutige Berlin ist eine moderne, rasch entwickelnde Stadt, in der viel gebaut und restauriert wird, eine Stadt , in der verschiedene Kulturen und Traditionen eine bunte Mosaik bilden.

Stundenlang unterhielten wir uns mit meiner lieben Petra Küllmey und ihrem Mann Dirk, zu allermöglichen Themen, von rein privaten bis globale, philosophische. Es freute mich, dass unsere Meinungen sehr oft übereinstimmten. Ich muss sagen, dass Petra und Dirk meinen Aufenthalt in ihrem Haus sehr gemütlich und warm gemacht haben . Recht herzlichen Dank ihnen für alles!

Abschließende Beurteilung

Natürlich nutzte ich jede freie Stunde zur Bekanntschaft mit der Stadt. Ich hatte Berlin früher zweimal besucht, aber immer unterwegs. Diesmal hatte ich eine gute Chance, möglichst viele Sehenswürdigkeiten, von denen ich nur aus Büchern wusste und die mir nur von Fotos bekannt waren, zu besichtigen! Es war angenehm, dass meine Stadtkenntnisse bald gut genug waren, und ich konnte einer Touristengruppe aus Spanien den richtigen Weg zum Pariser Platz zeigen. Das ist ein gutes Zeichen, weil die Touristen intuitiv eine Person ansprechen, die sich in der Stadt zurecht findet!

Probleme / Kritik / Verbesserungsvorschläge

Wir leben in einer globalen Welt, deren Leistungen oder Probleme gemeinsam sind. Die Bildungspolitik, die die Bildungsreform und neue Anforderungen an die Rolle des Lehrers mit sich bringt, hat sowohl in Berlin als auch in Moskau gleiche Merkmale. Es war für mich wichtig zu verstehen, worauf die Berliner Lehrer großen Wert legen, welche Ziele sie vor sich stellen, welche Lehrmethoden und pädagogische Technologien benutzen. Ich habe auf diese Fragen Antworten bekommen und alle positiven Erfahrungen gebe unbedingt an meine Kollegen weiter. Das Programm bringt einen unschätzbaren Nutzen für die Verbesserung der Sprachkenntnisse des Deutschlehrers und gibt eine Möglichkeit, das Schulsystem Berlins kennen zu lernen, Kontakte zu deutschen Kollegen zu knüpfen. Ich möchte mich bei den Organisatoren und Teilnehmern des PASCH-Hospitationsprogrammes bedanken.

Tatiana Balakhnova
Dezember 2015
Moskau, Gymnasium № 1257