Der erste Teil der Geschichte „Ist die Welt nur ein Traum oder Realität“ erschien in der Ausgabe 04 der mona am 5. April 2016. Für alle, die diese Ausgabe nicht gekauft haben, stellen wir den ersten Teil als PDF-Datei zur Verfügung.


Teil 1

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Teil 2


Ich bin gerade fertig mit dem Papierkram für heute und schließe kurz die Augen, wo ich plötzlich das Tränen überströmte Gesicht meiner Frau innerlich sehen kann.

Heute ist unser Hochzeitstag und es ist genau eine Woche her, dass die Ärzte mir gesagt hatten, dass er sterben wird. Im Behandlungszimmer kommen sie rein: „Guten Morgen.“ – „Morgen, sage ich verheult. Draußen gewittert es. „Wollen Sie die Maschine nun abschalten?“, fragen sie mich, wie sie es jeden Tag zuvor auch getan hatten. „Ja, sage ich traurig und stehe auf, um zur Maschine zu gehen, die meinen Mann am Leben hält. Ich kippe den Schalter um. Das Piepen, das parallel zum Herzschlag meines Mannes tönt, wird etwas langsamer.  

„Rona, warum?“, denke ich, ohne zu wissen, woher mir dieser Gedanke plötzlich kommt. „Rona, warum?“, flüstere ich leise, als hätten diese Wörter Besitz über mich. „Rona, warum?!“, jetzt schreie ich sie, als ob mein Leben an ihnen hängen würde.

Er stöhnt auf. Ein Stromausfall. 

„Warum?“, flüstere ich nun wieder. Plötzlich höre ich einen Knall und springe auf. Durchs Fenster sehe ich, dass der Westflügel unseres Hauses komplett zerstört ist. „Was war das?“, flüstere ich leise vor mich hin.

Sein Herzschlag wird langsamer. Zwar hat sich die Notstromanlage eingeschaltet, doch schaffen es die Ärzte nicht, den Herzschrittmacher von Nicky wieder anzustellen. 

„Rona?“, rufe ich so laut wie ich kann.  „Wo bist du?“ – Ich höre einen zweiten Knall, dann einen markerschütternder Schrei. „Rona?“ – Stille. Ich möchte hinausrennen, doch ist die Treppe zusammengebrochen. „Rona?“, rufe ich erneut. „Nicky?“, es war ein sehr leiser Ruf, fast wie ein Flüstern.

Nicky dreht den Kopf: „Rona?“, flüstert er. Ich beginne bitterlich zu weinen: „Oh, Nicky!, ich umarme ihn und sehe aus dem Augenwinkel einen Arzt, der mich geradezu hilflos beobachtet, als ob er überlege, zu mir zu kommen und mich zu trösten.

Ich klettere vorsichtig über die Reste der Treppe hinunter und sehe den Arm meiner Frau, aber ihr Körper ist zu verschüttet, um ihn zu sehen. „Rona?“ , frage ich, doch sie antwortet nicht. Ich rüttle an ihrem Arm, sie reagiere nicht. Es knallt nochmal und ich werde an eine Wand geschleudert. Ein Erdbeben, das Haus stürzt ein. Ich liege im Schutt. Betonbrocken liegen auf mir und wollen mich erdrücken.

Die Maschine, die seinen Herzschlag berechnet, zeigt jetzt eine gerade Linie und piept durchgehend. Eine Minute, zwei. Der Strom ist wieder da, ein Arzt versucht erneut die Maschine einzuschalten, aber es passiert nichts mehr. Anscheinend hat sie durch das An- und Ausschalten einen Kurzschluss erlitten. Tränen laufen mir übers Gesicht. „Warum?“, frage ich verzweifelt. „Warum musste der Strom in diesem Moment ausfallen? Warum musste sein Herz stehenbleiben?“ Ein zweiter Arzt kommt rein. „Warum musste das Auto gerade ihn anfahren? Warum haben wir uns gestritten?! 
Eine Krankenschwester zieht mich zurück und tröstet mich. 

Alles schwarz. Ein Licht kommt auf mich zu, aber es spaltet sich nicht wie in meinem Traum, es wird einfach nur größer. Ich erkenne die Umrisse einer Person im Licht. Sie hockt sich vor mich hin. Es ist zu hell, um die Person zu erkennen, obwohl alles um mich herum schwarz ist. Es scheint, als ob das Licht von der Person ausgehe. Das Gewicht, das mich zu ersticken droht, verschwindet. Ich kann mich dennoch nicht bewegen. Das Licht wird etwas blasser. Auch wenn ich immer noch nicht viel erkennen kann, weiß ich jetzt, dass ein Mann vor mir hockt. Er reichte mir die Hand. Es sieht aus, als ob er ein Kleid trüge. Ich ergreife zögernd seine Hand. Er leuchtet nicht mehr so stark und um mich herum ist es nicht mehr schwarz, sondern weiß. Er stellt mich mit einem Ruck auf die Füße und spricht zu mir mit ruhiger Stimme: „Du darfst nicht sterben. Rona wartet auf dich.“
Ich will ihn gerade fragen, vorher er Rona kenne, doch da dreht er sich um und geht.

Noch ein Schlag. Nicky bäumt sich kurz auf und sackt dann wieder ein.  

Meine weiße Umgebung wird allmählich immer rötlicher.

Noch ein Schlag. 

Donner! Es fühlt sich an, als ob ein Blitz durch meinen Körper fährt. Ich zucke heftig zusammen. Ein Erdbeben. Boden und Wolken sind schwarz, der Rest ist blutrot. Der Boden geht auf. Ich falle.

Noch ein Schlag. Wieder eine Minute. Noch ein Schlag. 

Ich komme auf. Es donnert noch einmal und ich schaue hoch.

Noch ein Schlag. Er bewegt sich nicht. Die Ärzte geben auf. Ich traure um meinen Mann. 

Ich sehe mich um. Der Boden tut sich auf und dieser schleudert mich hoch. Alles wird auf einen Schlag schwarz und ich höre ein Dauerpiepen im Ohr. Ich möchte die Augen aufschlagen, aber die Lider sind zu schwer. Das Piepen wird leiser und ich höre jemanden weinen. Der Ton wird brüchig, jetzt klingt er wie ein Herzschlag. Das Weinen hört auf.

„Nicky?“ – Es ist Rona. Ich will mich bewegen, aber ich kann nicht. Sie öffnet mir ein Auge. Ich kann sie einigermaßen gut erkennen. Sie weint, ich will etwas sagen, sie umarmen, sie trösten. Mir fällt auf, dass ich nicht in unserem Bett liege. Ich schaue mich um. Weiße Wände, weißes Bett und ein weiß lackierter Stuhl. Bin ich im Krankenhaus? Wieder schaue ich Rona an. Mein Auge beginnt zu tränen, es schmerzt noch immer, ich schließe es. Sie umarmt mich und flüstert mir zu: „Ich bin so froh, dass du lebst.“

[ D D ]


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