Mit viel Stolz halten die 13 ehemaligen Schüler der Willkommensklasse ihr Sprachdiplom in den Händen. Noch vor ziemlich genau 2 Jahren sprach  keiner von ihnen auch nur ein Wort Deutsch. Sie kamen aus Syrien, dem Libanon, Moldawien, Rumänien, Ägypten, Ungarn und Polen. Sie sind die Kinder von Familien, die aus politischen und wirtschaftlichen Gründen ihre Heimat verließen und in unserer Willkommensklasse die ersten Schritte in die deutsche Sprache gingen. Ich sehe noch heute jeden von ihnen an ihrem ersten Schultag an unserem Gymnasium. Wir sitzen gemeinsam in unserer Klasse und 12 Paar Augenpaare schauen mich fragend an. Wie schaffen wir es, in dieser Begegnung von 12 Sprachen miteinander kommunizieren? Wie können wir eine gemeinsame Sprache finden? Ich schreibe mit großen Buchstaben ein Wort an die Tafel; „Respekt“. Ich verteile Wörterbücher und sie alle nicken mir verständnisvoll zu. Jeder kommt nach vorn und ist stolz, „Respekt“ in seiner Sprache an die Tafel schreiben zu können und wir alle wiederholen es multilingual.

Und so beginnt ihre Reise in die Welt der deutschen Sprache, in eine Welt, die sie stolpern, aufblicken, manchmal verzweifeln aber auch lachen lässt. Eine Sprache, die ihre Aufmerksamkeit, ihr Sprachgeschick und ihre Geduld fordert. Eine Sprache, in der sie sich anfangs sehr fremd fühlen und Monate brauchen, ihren Klang und ihre Struktur langsam zu verinnerlichen und sich in ihr zu bewegen.

Ich kann das gut verstehen: ich arbeitete in Bolivien, Ägypten, Luxemburg, Belgien und Spanien. Immer brauchte es einige Zeit, in die neue Sprache einzutauchen und sie zu fühlen und nicht nur zu imitieren, wie Kinder es am Beginn ihrer Sprachbildung tun. Ich spürte, dass Sprache so viel mehr ist als Wörter, die  in grammatischen Strukturen leben.  Die Art, wie die Menschen sprechen, ihre Gestik, Mimik, Kleidung, ihr Verhalten, alles ist erst einmal Neuland – die Tür in die neue Welt lässt sich nur über die Sprache öffnen. Das ist die Botschaft, die ich meinen Schülern von Anbeginn mitgebe.

Mit meiner ganz persönlichen Lebenserfahrung und einer 30jährigen Lehrerfahrung als Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache gestalte ich meinen Unterricht lebensnah. „Sie und Ihr fliegendes Klassenzimmer“ sagte unser Schulleiter Herr Steinke eines Tages zu mir und er hat recht: ob in der Gartenarbeitsschule, beim Tischtennisspielen, beim Tanzen oder beim Analysieren von Texten…. wir erlernen die deutsche Sprache ganz lebendig und spüren kaum, dass wir langsam beginnen, uns mit unseren Nachbarn unterhalten und austauschen zu können, gemeinsam zu lachen und uns jeden Tag ein bisschen verständlicher zu machen: in der Klasse, im Supermarkt, in der Apotheke.

Ich habe großen Respekt vor meinen ehemaligen „Willkommensschülern“, die heute ihr Deutsches Sprachdiplom auf dem Sprachniveau B1 in ihrer Hand halten. Sie können stolz darauf sein. So wie ich es bin. Man kann eine solche Leistung in einem fremden Land selbst nur wage erahnen.

Das Deutsche Sprachdiplom wird unter Aufsicht des Kultusministeriums in 70 Ländern dieser Erde geprüft und über 70.000 Schüler haben es weltweit bereits abgelegt. Sie alle haben die Tür in die Welt der deutschen Sprache mit viel Kraft und Energie geöffnet und können nun hindurchgehen, um die Chance nutzen, ihre Interessen zu finden und ihrem Berufswunsch zu folgen. Dazu wünsche ich allen viel Glück und viel Kraft.

Der DSD-Verantwortliche in der Senatsverwaltung, Herr Burrichter, mit dem ich gemeinsam die Prüfung an unserer Schule abgenommen habe, hat uns bestätigt, dass  die Schüler unserer Schule die besten Ergebnisse im Bezirk erreicht haben. Das ist eine gute Nachricht.

Doch es geht weiter, wie Herr Steinke zur Urkundenübergabe betonte: „Ihr müsst weiterlernen, jeden Tag aufs Neue!

Cornelia Geigulat