{"id":3009,"date":"2016-10-29T20:25:29","date_gmt":"2016-10-29T18:25:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudio-bechinie.de\/Wordpress-Test\/?p=3009"},"modified":"2022-11-23T15:00:05","modified_gmt":"2022-11-23T14:00:05","slug":"berlin-in-der-zukunft-eine-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/?p=3009","title":{"rendered":"Berlin in der Zukunft \u2013 eine Geschichte"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Teil 1<\/h5>\n\n\n\n<p>Ich sitze in einem kleinen Caf\u00e9 in der N\u00e4he der Hackeschen H\u00f6fe und schaue den vorbeiflie\u00dfenden Massen an Menschen zu. In meiner Hand ruht ein kleiner Kaffee. Der dritte f\u00fcr diesen Tag. Die Sonne scheint. Es ist Fr\u00fchling. Ein Blick f\u00e4ngt mich, nur f\u00fcr einen Moment. Das Gesicht kommt mir bekannt vor. Automatisch merke ich, wie meine Google Sensoren auf meinen Gedanken reagiert haben und in meinem Kopf schwirrt das Bild zahlreicher Sozialer Netzwerke und verschiedener, treffender Profile hindurch. Irina Koroschenkow , Berlin, 25 Jahre. Es ist niemand, den ich wirklich kenne. Die neue Gesichtserkennung ist also noch nicht ganz ausgereift. Ich nehme einen Schluck vom Kaffee und beobachtete, wie sich hunderte vertr\u00e4umte Gesichter in die Magnetbahn dr\u00e4ngen. Ende der Mittagspause, denke ich. Die Leute fahren zur\u00fcck in ihre B\u00fcros zum Alex oder in den Hardenberg-Tower.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Surren einer Postdrohne st\u00f6rt meine Ruhe. \u201eJakob Hafke?\u201c, fragt die elektronische Stimme von Lina, der k\u00fcnstlichen Intelligenz der Berliner Beh\u00f6rden. \u201eJa\u201c, antworte ich und der kleine Greifarm holt, nach einem kurzen Scan meiner Identit\u00e4tsdaten, aus den Tiefen seiner Tasche ein kleines Paket hervor. Endlich: das Buch, das ich so dringend haben wollte. Ich bedanke mich und packe es gleich aus, um den Duft der Druckertinte und des frisch gebundenen Papiers zu genie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte lange kein Buch mehr in den H\u00e4nden, denn normalerweise lasse ich mir meine Texte \u00fcber meine Google Sensoren direkt ins Gehirn schleusen. Als ich das Buch jedoch zuklappe, bin ich erstaunt. Es ist nicht meine bestellte Ausgabe von Dantes G\u00f6ttlicher Kom\u00f6die, sondern ein kleineres Buch mit rotem Einband. Auf dem Cover steht in gro\u00dfen schwarzen Buchstaben: \u201e1984 von George Orwell\u201c.<br>Das Auge in der Mitte des Covers scheint mich direkt anzustarren. Ich drehe es, aber es gibt keine Inhaltsangabe. Im Umschlag erscheinen weder Infos zum Verlag noch zum Autor. Ich bin verwirrt. Die Postdrohne hat sich geirrt. So etwas passiert sonst nie.<\/p>\n\n\n\n<p>Hektisch suche ich die Stra\u00dfe nach ihr ab und schrecke auf, als ich sie f\u00fcnfzig Meter weiter und f\u00fcnf Meter h\u00f6her durch die Luft schweben sehe. \u201eEy! Halt!\u201c, schreie ich und laufe z\u00fcgig los. Menschen schreien auf, als ich sie im vorbeihetzen aus dem Unterhaltungschlaf wecke. Viele sind komplett erstaunt und noch v\u00f6llig in ihren eben noch lebendigen Serien und Sendungen vertieft. Nur die wenigsten sind mit ihrem Geist anwesend. Hinter mir f\u00e4llt eine Frau in Ohnmacht. Ich drehe mich sofort um, laufe aber weiter und renne in eine Gestalt im schwarzen Mantel, die gerade aus einer Nebenstra\u00dfe gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich sofort ein Notfall-Bot um die ohnm\u00e4chtige Frau k\u00fcmmert, entschuldige ich mich bei der Gestalt. Sie dreht sich um. K\u00fchle blaue Augen schauen mich an. Das Gesicht regt sich nicht. Irina Koroschenkow schie\u00dft es mir durch den Kopf. Es sind diesmal nicht meine Google Sensoren. Noch w\u00e4hrend ich im Kopf versuche die aufgepoppten Profile zu ordnen, rennt sie davon. In Richtung der verschwindenden Postdrohne.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie ist gro\u00df und der schwarze Mantel ist gut zu erkennen. Ich folge ihr, denn sie folgt der Drohne ebenfalls. Diese kommt gerade aus dem Fenster eines B\u00fcros gesaust und zielt im Moment auf eine Person, die irgendwo im Gedr\u00e4nge vor der Marienkirche stehen muss. Irina gleitet durch die Massen wie ein Schatten. Ich dagegen arbeite mich m\u00fchsam unter zahlreichen Entschuldigungen vorw\u00e4rts. Hauptsache sie oder die Drohne nicht aus den Augen verlieren. In meiner Eile bekomme ich den \u00fcberw\u00e4ltigen Anblick, der sich um mich herum bietet, gar nicht mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fernsehturm steht als letztes Relikt der DDR zusammen mit der winzig wirkenden Marienkirche eingeschlossen in einem Krater von gewaltigen Hochh\u00e4usern, deren Glas- und Stahlw\u00e4nde in der Mittagssonne glitzern. Zwischen ihnen kommen Magnetbahnen wie st\u00e4hlerne Schlangen zwischen den H\u00e4usern empor und ziehen ihre Wege auf den gewagt aussehenden Stahltr\u00e4gerkonstruktionen, weit \u00fcber den K\u00f6pfen der Passanten. W\u00e4hrend neben mir eine Transportkapsel landet, die Menschen hinauf zur Magnetbahn bringt, f\u00e4hrt die Postdrohne herunter in die Masse zu ihrem n\u00e4chsten Kunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der schwarze Mantel hat seine Chance sofort erkannt, flitzt zwischen einer Gruppe Hoverboard-Skater hindurch auf einen Gesch\u00e4ftsmann zu, der jetzt eilig sein Paket abnimmt, und schnappt sich die Drohne. \u201eHalt!\u201c, h\u00f6re ich sie mit deutlich russischem Akzent. \u201eB850JF deaktivieren!\u201c Der Gesch\u00e4ftsmann schaut sie erstaunt an, w\u00e4hrend ich gerade fast von einem besonders wagemutigen Skater in die Seite gerammt werde. Ich h\u00f6re ihn hinter mir fluchen, aber mich interessieren die Geschehnisse vor mir deutlich mehr.<br>Irina hat sich den Sack mit Paketen geschnappt und w\u00fchlt darin, w\u00e4hrend der Mann neben ihr sich laut dar\u00fcber beschwert, dass er mit seiner Lieferung zur\u00fcck ins B\u00fcro m\u00fcsse. Die schlanke Frau beachtet ihn nicht. Sie scheint etwas zu suchen. Ich schaue auf das Buch in meinen H\u00e4nden und dann zu ihr. \u201eHey! Hallo sie!\u201c, rufe ich beim N\u00e4herkommen. Ich wedele mit dem kleinen roten Umschlag. Sie schaut auf und will danach greifen, aber ich ziehe es weg.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIrina Koroschenkow?\u201c, frage ich schnippisch. \u201e Ja, woher wissen Sie meinen\u2026 Oh.\u201c Ein L\u00e4cheln huscht \u00fcber ihr Gesicht. \u201eJaja, die neue Gesichtserkennungs-Software ist \u2026\u201c, will ich fortfahren, aber stattdessen blitzen ihre Augen violett auf und sie greift in den Sack, um ein buchf\u00f6rmiges Paket herauszuholen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDantes G\u00f6ttliche Kom\u00f6die!\u201c, stelle ich erleichtert fest. Sie nickt. \u201eWoher wussten Sie das?\u201c, frage ich und gebe ihr dabei das kleine rote Buch mit dem Auge. Sie zuckt mit den Schultern, schnappt sich das Buch und verschwindet in einer Traube von Leuten, die auf eine Transportkapsel zuhalten. \u201eWarten Sie!\u201c, will ich sagen, aber sie h\u00f6rt mich nicht mehr und ich bleibe noch eine Weile am Ort des Geschehens und betrachte mein Buch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter stehe ich auf einem einsamen Bahnhof im Licht der Scheinwerfer und warte auf die Magnetbahn, um nach Hause zu fahren, h\u00f6re ich eine Stimme hinter mir. Es ist russisch und meine Googlesensoren \u00fcbersetzen direkt:&nbsp; \u201eWenn die Chinesen uns das n\u00e4chste Mal hacken, wird das nicht so glimpflich ausgehen, Yuri. Dieses Mal hatten wir Gl\u00fcck, dass die Deutschen anscheinend zu inkompetent sind, um\u2026\u201c<br>Ich drehe mich um. Es ist Irina. \u201eFrau Koroschenkow. So sp\u00e4t immer noch unterwegs?\u201c Sie zischt etwas auf Russisch in ihren Kommunikationschip und antwortet: \u201eSo wie es aussieht, schon. Haben sie Freude an ihrem Buch?\u201c Mit einer Frage habe ich nicht gerechnet. \u201eDantes G\u00f6ttliche Kom\u00f6die ist ja nicht gerade eine h\u00e4ufige Lekt\u00fcre. Vor allem nicht in gedruckter Ausgabe\u201c, sagt sie. \u201eTats\u00e4chlich\u201c, gebe ich zu, \u201eallerdings auch George Orwell nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Blick wird violett. \u201eYuri?\u201c, sagt sie in ihren Chip. \u201eYuri?\u201c, frage ich. \u201eVerdammt Yuri. Was ist los? Warum wei\u00df er noch von dem Buch. Die Chinesen?\u201c, quakt der Google \u00dcbersetzter in meinem Kopf. Sie schaut mich erstaunt an. Ihre Augen werden erneut violett, nein, eigentlich nur die Iris.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist hier los? Was ist mit den Chinesen?\u201c, meine Neugier ist geweckt. Sie antwortet nicht, sondern quatscht hektisch und in Russisch in ihren Kommunikationschip. \u201e Yuri, er versteht uns. Er ist durch die Firewall gekommen. Vielleicht waren es gar nicht die Chinesen, sondern er.\u201c&nbsp; Ein Mann brummt etwas: \u201eWas? Er kann uns verstehen? Yuri, das bedeutet wir m\u00fcssen\u2026 Wir m\u00fcssen ihn \u2026 Yuri?\u201c<br>\u201eWas m\u00fcssen Sie?\u201c Eine furchtbare Ahnung \u00fcberkommt mich. Ich h\u00f6re Yuri einen kurzen Befehl in seinen Chip rufen. Der Blick von Irina wird st\u00e4hlern. Im n\u00e4chsten Moment blicke ich in den Lauf einer 10mm Pistole. Mein Mund \u00f6ffnet sich zum Schrei, aber bevor ein Ton meinen Mund verlassen kann, h\u00f6re ich einen schallged\u00e4mpften Schuss. Meine Google Sensoren unterdr\u00fccken sofort jedes Schmerzgef\u00fchl in meinem K\u00f6rper, trotzdem falle ich zu Boden. Ich sehe die Stahltr\u00e4ger des Bahnhofs \u00fcber mir in verschwommenem Licht blasser werden. Mein Google \u00dcbersetzter ert\u00f6nt. Es ist Yuri: \u201eGut gemacht. P13m. Wie es aussieht, haben die Chinesen ihre neue Entfesselungssoftware anstatt in ihren Agenten, in irgendeinen ahnungslosen Passanten geladen. Ich schicke dir eine Drohne, um das hier zu beseitigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>[J H ]<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Teil 2<\/h5>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"387\" height=\"250\" src=\"https:\/\/www.claudio-bechinie.de\/Wordpress-Test\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/berlin-zukunft.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3010\" srcset=\"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/berlin-zukunft.jpg 387w, https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/berlin-zukunft-300x194.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 387px) 100vw, 387px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-normal-font-size\"><a href=\"http:\/\/www.claudio-bechinie.de\/Wordpress-Test\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Maschinentraeume.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Download\u00a0<\/a>der PDF-Datei von Teil 2 der Geschichte.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fortsetzung von &#8222;Berlin in der Zukunft&#8220; erschien in der mona 05 unter dem Namen &#8222;Maschinentr\u00e4ume&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_uag_custom_page_level_css":"","ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[150],"class_list":["post-3009","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-schuelerzeitung"],"featured_image_urls_v2":{"full":"","thumbnail":"","medium":"","medium_large":"","large":"","1536x1536":"","2048x2048":"","post-thumbnail":"","gambit-header-image":"","gambit-thumbnail-archive":"","gambit-thumbnail-small":"","gambit-thumbnail-medium":"","gambit-thumbnail-large":"","tzwb-thumbnail":""},"post_excerpt_stackable_v2":"<p>Die Fortsetzung von &#8222;Berlin in der Zukunft&#8220; erschien in der mona 05 unter dem Namen &#8222;Maschinentr\u00e4ume&#8220;.<\/p>\n","category_list_v2":"<a href=\"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/?cat=1\" rel=\"category\">Allgemein<\/a>","author_info_v2":{"name":"cbechinie","url":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/?author=1"},"comments_num_v2":"0 comments","uagb_featured_image_src":{"full":false,"thumbnail":false,"medium":false,"medium_large":false,"large":false,"1536x1536":false,"2048x2048":false,"post-thumbnail":false,"gambit-header-image":false,"gambit-thumbnail-archive":false,"gambit-thumbnail-small":false,"gambit-thumbnail-medium":false,"gambit-thumbnail-large":false,"tzwb-thumbnail":false},"uagb_author_info":{"display_name":"cbechinie","author_link":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/?author=1"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Die Fortsetzung von \"Berlin in der Zukunft\" erschien in der mona 05 unter dem Namen \"Maschinentr\u00e4ume\".","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3009","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3009"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3009\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3029,"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3009\/revisions\/3029"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3009"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3009"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.leonardo-da-vinci-gymnasium.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3009"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}