Peking trifft Neukölln

Peking trifft Neukölln

Beste deutsche Eigenschaft: Tierliebe. Seltsamste Gewohnheit: Mülltrennung - Schüleraustausch mit China

"Hier bleiben alle stehen, wenn die Ampel rot ist", wundert sich Yu Miao. Die Disziplin im deutschen Straßenverkehr gehörte zu den ersten Eindrücken, die die chinesischen Austauschschüler von Berlin hatten. Für zwei Wochen waren sie in Neuköllner Familien zu Gast. Der Austausch am Leonardo-da-Vinci-Gymnasium fand zum ersten Mal statt, und er endete mit Tränen - Tränen des Abschieds.

Die neun Mädchen und ein Junge von der Haidan Art Vocational School in Peking und ihre Gastfamilien schlossen schnell Freundschaft. So schnell, dass selbst die Lehrer überrascht waren. Denn eine gemeinsame Sprache hatten die Schüler bisher nicht. Chinesisch ist in Berlin kein Unterrichtsfach.

Doch das Kennenlernen funktionierte zunächst auch ohne Worte. An beiden Schulen werden künstlerische Fächer besonders gefördert - so lag ein Schwerpunkt des Austausches in der gemeinsamen künstlerischen Arbeit. "Zeichen der Stadt" war das Thema eines Fotoprojektes, das in Peking fortgesetzt werden soll. Die Arbeit in den Bereichen Musik und Theater wurde unterstützt durch Workshops in der Deutschen Staatsoper und dem Carrousel-Theater.

Was macht man sonst noch in Berlin? Museen besuchen, Schlösser angucken, in Discos tanzen und natürlich Shoppen gehen. Manches, was deutsche Schüler mögen, war auch den chinesischen Jugendlichen vertraut, etwa Harry Potter oder Jugendfilme wie "Party Animals". Anderes war fremd und überraschend. Sui Hui (18): "Hier haben die Jugendlichen so viele Freiheiten. Sie können spät nach Hause kommen." Auch Gong Xu (16) findet: "Ja, sie sind sehr offen und frei, anders als bei uns."

In China ist der Alltag viel mehr durch die Schule bestimmt. Sie fängt um 7.30 Uhr an und endet meist erst um 17 Uhr. Dann sind noch Hausaufgaben zu machen. Song Wei muss sogar zur Schule laufen und deshalb schon um 5.30 Uhr aufstehen. Die meisten gehen deshalb schon um 21 Uhr ins Bett.

Beeindruckt waren die Gäste aus China von den tollen deutschen Autos, auch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sind ihnen in ihrem Berliner Alltag besonders aufgefallen. Lu Yao ist glücklich: Sie hatte ihr Handy in einem Bus liegen gelassen. Doch es wurde gefunden und abgegeben. "In Peking hätte sie es niemals zurück bekommen", sagt Miss Yang, die begleitende Englischlehrerin. Miss Yang war gleichzeitig Übersetzerin, denn nicht alle sprachen gut Englisch. Trotzdem klappte es in den Familien ohne Probleme. "Es ist erstaunlich, wie gut man sich mit Gesichtsausdrücken und Zeichensprache verständigen kann", sagt Alina. Liu Chung Hong lächelt dazu und nickt.

Oft war es sehr lustig, besonders beim gegenseitigen Sprachunterricht. Und zwischen den Haustieren und den chinesischen Schülerinnen gab es überhaupt keine Verständigungsprobleme. "So viel gestreichelt wurde mein Meerschweinchen noch nie", berichtet Daniel.

Den chinesischen Schülern fiel auf, dass die meisten Deutschen sehr tierlieb sind, was für sie auch an den vielen Hunden zu sehen sei. Viele werden es in Peking vermissen, in einem Zimmer für sich allein zu wohnen, so wie die Berliner Schüler. Und auch der sauberen Luft und dem weißen Schnee werden sie nachtrauern, meinen sie.

Nicht so begeistert waren die Gäste aus Peking über die teuren Preise in Deutschland. Fremd war ihnen auch die offene Art der Menschen und die Freizügigkeit der deutschen Kultur. Und die Mülltrennung. Und das Essen war auch etwas ungewohnt am Anfang. Frau Walker, eine Gastmutter, wagte den "Test" mit Kasseler und Sauerkraut: Gasttochter Dai Ming Fei (16) mundete das deutsche Gericht. Auch Pizza und Hamburger bei den Chinesen ebenso beliebt wie bei ihren deutschen Altersgenossen.

Die Lehrer haben wir auch befragt. Die fanden dem Umgang untereinander doch sehr ungewohnt. In China sei der Abstand zwischen Lehrern und Schülern viel größer, meinten sie. In Deutschland fiel ihnen das partnerschaftliche Verhältnis unter den Lehrern auf. Mr. Ma war überrascht, dass der Schulleiter hier selbst unterrichten muss. In China sei der Direktor eben nur "Chef", der entscheidet und dann aber auch alles wissen will, was in der Schule so passiert.

Eine ganz neue Erfahrung für die chinesischen Lehrer waren die Theater-Workshops. Sie fanden sie sehr interessant und hilfreich für das Verstehen der Stücke, aber auch eine gute Hilfe für das gegenseitige Kennenlernen.

Der Schüleraustausch, der am vergangenen Freitag zu Ende ging, sollte nach zweijähriger Vorbereitung ursprünglich schon 2003 starten, musste wegen der Krankheit Sars aber verschoben werden. Und während jetzt noch die Abschiedstränen trocknen, laufen schon die Vorbereitungen für den Gegenbesuch: Die deutschen Schüler werden im Mai in Peking sein. Wir sind schon sehr gespannt.

Melanie Hasse, Leslie Mach,
Leonardo-da-Vinci-Oberschule, Klasse 8.1, Neukölln


Aus der Berliner Morgenpost vom 1. März 2004

 

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