Ein Beispiel für Integration im Multi-Kulti-Neukölln:
Die Leonardo-da-Vinci-Oberschule
Sie ist von ihrem Äußeren sehr unscheinbar - die Leonardo-da-Vinci-Oberschule: Weiße, einstöckige Container aus Pappe mit
grünem Zaun drum herum. Doch diese Schule im Süden Neuköllns hat es in sich: Die Atmosphäre ist weltoffen, geprägt von
Akzeptanz zwischen den verschieden Kulturen. Hier herrschen andere Verhältnisse als im Nord-Neuköllner Kiez. An der "LdV"
sind Deutsche keine Minderheit. An der LdV sind die Ausländer Deutsche.
Dies zeigen auch die Statistiken: Von den 1002 Schülern sind gerade einmal 7,7 Prozent Ausländer und doch ist der Schulalltag
durch die verschiedenen Kulturen geprägt. Denn die Schüler nichtdeutscher Herkunft machen schon 18 Prozent aus. Dies sind die
Schüler, deren Eltern sich einst entschlossen hatten, nach Deutschland zu emigrieren, obwohl sie mit der Sprache und Kultur oft
nicht vertraut waren. Doch gerade unter diesen Schülern herrscht ein großer Wille, sich zu integrieren. Denn von den 183
Schülern nichtdeutscher Herkunft besitzen 58 Prozent die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie sehen sich als Deutsche, haben
die deutschen Werte übernommen und wollen nicht als Ausländer bezeichnet werden. Dieser Wille zur Integration zeigt sich
aber auch allgemein: An der "LdV" wird durchgängig Deutsch gesprochen. Andere Sprachen hört man hier eher selten. Gleichzeitig
wird es als Bereicherung gesehen, die Möglichkeit zu haben, von diesen Schülern zu erfahren, was die Kultur ihrer Eltern ausmacht
und Erfahrungen auszutauschen.
Natürlich haben es Schüler mit ausländischen Eltern nicht so leicht. Für sie ist es schwerer die Sprache zu lernen, da oft zu
Hause die Muttersprache der Eltern gesprochen wird. Und trotzdem gelingt die Integration dieser Schüler. Warum? Weil unsere
Schüler viele verschiedene Nationalitäten vertreten und sich somit keine Parallelgesellschaft bildet. Denn auch wenn 22 Prozent
der Schüler nichtdeutscher Herkunft Türken sind, bilden alle anderen Nationalitäten zusammen einen genauso großen Anteil. Dies
ist eine der Grundvoraussetzungen für Integration. Es muß eine gemischte/ausgewogene Verteilung der Kulturen vorhanden sein,
die deutsche Kultur bildet die Basis. Nur wo eine deutsche "host culture" vorhanden ist, können sich ausländische Schüler auch
integrieren.
Nun könnte jemand auf die Idee kommen, dass unsere ausländischen Schüler zwar integriert sind, doch es ohnehin nicht bis in die
Oberstufe schaffen. Auch dies ist eine vollkommen falsche Annahme, wie erneut die Zahlen beweisen: In der 12. Klasse liegt der
Prozentsatz an Ausländern bei 7,9 Prozent. Genauso hoch liegt er in den siebten Klassen. Die Tatsache, daß in der gesamten
Oberstufe - also in der 12. und 13. Klasse - 5,6 Prozent der Schüler Ausländer sind, läßt gute Hoffnung, dass ein Großteil der
ausländischen Schüler es auch bis zum Abitur schafft. Die ausländischen Schüler, die auf unsere Schule gehen, wollen die
allgemeine Hochschulreife erreichen. Das Interessante hierbei ist: Ein Großteil von ihnen kommt nicht aus der näheren Umgebung,
sondern aus Nord-Neukölln, wo an den Schulen vielfach Gewalt zur Tagesordnung gehören. Diese Schüler fahren morgens teilweise
eine Stunde und länger mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, um an unsere Schule gehen zu können. Das ist ein Beweis dafür,
dass auch unsere ausländischen Mitschüler die Verhältnisse in Nord-Neukölln nicht hinnehmen wollen und keine Mühe scheuen, um
eine bessere Schulausbildung und damit bessere Chancen zu erhalten. Dies zeigt, dass wir stolz auf die "LdV" sein können - und
viele Gründe haben, uns nicht abschreiben zu lassen, auch wenn wir in Neukölln zur Schule gehen.
Katharina Leitner, Flora Michel,
Leonardo-da-Vinci-Oberschule, Neukölln
Aus der Berliner Morgenpost vom 22. Mai 2006